Hier kannst du fantastische Geschichten von mir lesen oder als Audio hören.
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Gedichte in verschiedenen Sprachen
und in jedem Leertag
die Möglichkeit,
von meinen Texten zu träumen.
Konferenz der Kapriolen

Wenn mein Vorhang träumt, dann träumt er manchmal von Samt und Seide, und manchmal von seinen Müttern, einer Reihe Baumwollpflanzen aus Usbekistan; heute Nacht aber träumt er vom Krimi, den er abends durch das Fenster des Nachbarhauses beobachtet hat, auf der Großbildleinwand. Ein Traum voller Verdächtigungen, Schusswechsel und Verfolgungsjagden. Mein Vorhang zuckt und flattert im Schlaf, er reißt an der Vorhangstange, und im Versuch zu fliehen, drückt er sich in eine Ecke; gibt das Fenster frei und die Welt schwappt in mein Zimmer.
Vorm Fenster biegt sich die Hainbuche im Wind, der Baum lässt seine gelbgefärbten Blätter los; durch seine Zweige erscheint, mondbeschienen, der Turm. In seinem Erdgeschoss, im Fundamt, stapeln sich Koffer, Taschen und Teddybären, liegen Regenschirme aufgereiht neben Handschuhen und Handys, und da steht auch der Wäscheständer, der rittlings auf dem Turm gelandet ist, eines Morgens, als der Fluss über die Ufer getreten ist und sich neue Wege gesucht hat durch die Straßen der Stadt, und viele Menschen auf den Dächern Zuflucht gefunden hatten und froh waren über den Wäscheständer mit den trockenen Socken und Hosen und einer dunkellila Fleecejacke.
Im obersten Turmzimmer lässt Anna Konda das Badewasser einlaufen, der Schaum knistert und türmt sich in der Wanne, und im Raum darunter springen die Kapriolen auf den Konferenztischen, die nachts schwingungsfähig werden wie Trampoline. Bei diesen Sprüngen wird die Welt durchlässiger, und immer, wenn die Kapriolen ihre Konferenzen hüpfen, werden unwahrscheinliche Begegnungen möglich.
In meinem Zimmer spüre ich einen Ruck durchs Gemäuer, und unten im Erdgeschoss springt die Haustür auf und eine Karawane stapft herein. Bei jedem Tritt der Kamelhufe knirscht der Wüstensand auf den alten Steinstufen des Treppenhauses und die seitlichen Lasten der Höckertiere scheuern den Verputz von den Wänden.
Frau Winter, die jeden Tag das Treppenhaus putzt, stürzt aus ihrer Wohnung und bleibt mit offenem Mund stehen, es kommt kein Wort heraus, vor lauter Staunen und Ehrfurcht. Noch nie hat sie ein Kamel von so nahe gesehen, so einen gewaltigen, beinahe erschreckenden Kopf, und so sanfte Augen.
Das Kamel schnaubt; es hat noch nie eine Frau Winter von so nahe gesehen und es wundert sich über die Anweisung: „Füße abputzen!“. Die Frau auf dem Kamel beugt sich vor und streckt Frau Winter die Hand hin.
Diese weicht zurück. Einem fremden Menschen die Hand reichen? Man soll lieber noch nicht einmal den kleinen Finger hinhalten. „Raus“, sagt sie stattdessen, aber ihr fehlt das Resolute, das sie sonst hat, sie sagt es so weich wie Kamelhaar, und das ist offensichtlich verwirrend, denn die Frau lächelt sie an und sagt: „Leda Narobi. Nice to meet you, Frau Raus.“
„Nein“, sagt Frau Winter und deutet auf das Kamel.
Leda Narobi nimmt ihre Hand: „You are welcome“, und Frau Winter, die auf einmal kein Gewicht mehr hat, die ganz leicht geworden ist in dieser Nacht der Möglichkeiten, schwingt hoch und kommt mirnichtsdirnichts auf dem Kamel zu sitzen, und die Karawane zieht weiter.
Im ersten Stock öffnet sich die Wohnungstür einen Spaltbreit und Lizzi, die nicht schläft, weil sie noch ein Referat über Phänomene der Quantenphysik schreiben muss, guckt heraus und ist beeindruckt davon, dass die ruppige Frau Winter nachts auf Kamelen reitet.
„Jedes Teilchen ist eine Welle“, schreibt Lizzi, „jede Stadt ist ein Fluss …“ Den zweiten Satz streicht sie wieder durch. „Keine Phantasie, Lizzi!“ hat der Physiklehrer zu ihr gesagt. Aber ohne Phantasie, findet Lizzi, ist die Quantenphysik nicht zu verstehen, und vieles andere auch nicht.
In der stillen Wohnung wackeln die Schuhe im Schlaf mit den Klettverschlusslaschen, und der Senf träumt von einer Sänfte, die seine Schärfe über die Zungenhügel trägt, er schmilzt im Licht der Straßenlaterne, die Ludmilla heißt, und ihr Licht auch auf das ambulante Unternehmen wirft, das Pantomime und einfache Telepathie als Kommunikationshilfe anbietet. Dieses Unternehmen kann sich auch mit einer Straßenlaterne unterhalten und seit es einmal mit Ludmilla geplaudert hat, schwärmt es für sie, die so verwurzelt und erleuchtet zugleich ist.
Heute Nachmittag hat jemand einen roten Zettel auf das lange Bein von Ludmilla geklebt, auf dem steht: „Winnie vermisst“. Beim nächtlichen Spaziergang liest das Unternehmen den Zettel und wird auch rot, und schließlich traut es sich und denkt, an Ludmilla gewendet: „Ich bin Winnie, und ich hab dich auch schon so sehr vermisst.“
Frau Winter klammert sich an den Höcker des Kamels. „Welcome“, hat die fremde Frau gesagt, so als ob sie hier zu Hause wäre und Frau Winter der Gast. Da stimmt doch etwas nicht, sie muss es gerade rücken aber gerade auf einem Kamelrücken ist es schwierig, etwas gerade zu rücken; alles schaukelt und schwankt, während sie unterwegs ist wer weiß wohin.
„Konferenz der Kapriolen“ weiterlesenJenseits

Manchmal beschleicht mich so ein Gefühl, eine Vorahnung von etwas, das groß und drohend unmittelbar vor mir steht. Dann … vergeht es wieder und ich denke nicht mehr daran.
Heute ist so ein Tag. Als ich die Wohnungstür hinter mir verschließe, stockt mir auf einmal der Atem. Was, wenn ich nicht zurückkomme? Wenn ich meine Wohnung nie wieder sehen werde? Es ist ein ganz normaler Tag, nichts deutet auf ein Ereignis hin, das mich vom Heimkommen abhalten könnte. Und dennoch, ich habe dieses Gefühl… dass heute etwas zu Ende geht.
Ich schließe wieder auf und schaue in den Flur hinein, wo Jacken und Tücher rot blau grün orange nebeneinander hängen, und darüber Mützen und Kappen, alle so vertraut. Die Schuhe stehen paarweise, die meisten etwas schräg — es sieht ganz sympathisch aus. Aber es wirkt auf mich wie das Leben einer anderen, einer Person, die keine Ahnung hat.
Und ich habe Ahnung, in diesem Moment, oder einen Anflug von Ahnung, aber bevor ich weiß, was es ist, will ich es schon nicht mehr wissen. Ich halte es nicht aus, knalle die Tür zu, damit der Anflug verfliegt, und renne die Treppe runter als wäre was hinter mir her.
Und es ist etwas hinter mir her! Ich höre es poltern und scheppern, aber ich drehe mich nicht um, ich muss hier weg! Ich bin schon auf der Straße — wohin? Wohin? Hinter mir kracht es, es klimpert und knarrt, und ich kenne dieses Knarren so gut, seit sieben Jahren ist es mir vertraut, ich habe es immer gerne gehört; jetzt erfüllt es mich mit Entsetzen, ich laufe los.
Fort, irgendwohin — in den Park, da steht der Baum, der so einen bequemen Einstieg bietet; als ich bei ihm bin, ergreife ich den untersten Ast und schwinge mich hoch. Im Nu sitze ich in der breiten Gabel, keuchend, und erst jetzt wage ich einen Blick nach unten.
Da steht sie, meine Wohnungstür, etwas abgewetzt. Beim Einzug habe ich sie neu gestrichen, blau, jetzt ist die Farbe an einigen Stellen abgeblättert und das ursprüngliche Weiß zeigt sich dahinter. Die Tür schwankt, sie ist das Stehen nicht gewöhnt, sonst hängt sie immer in ihren Angeln. Meistens ist sie auch geschlossen und findet auf der anderen Seite ebenso Halt. Und diesen Halt vermisst sie jetzt, und ich vermisse ihn auch, den Halt, den ich normalerweise habe, in mir, in meinem Leben.
Und dann klimpert es wieder, und als die Tür sich dreht, erkenne ich, dass der Schlüssel noch im Schloss steckt. Ist sie deshalb hinter mir her gelaufen? Um mich daran zu erinnern, den Schlüssel mitzunehmen? “Das wäre doch nicht nötig gewesen”, sage ich leise, peinlich davon berührt, dass ich mit einer Tür rede. Aber vielleicht ist alles gar nicht so schlimm. Ich kann zurückgehen, gefolgt von der Tür, sie wieder einhängen, abschließen, den Schlüssel einstecken, und den Tag noch einmal neu beginnen.
Da setzt sich die blaue Tür in Bewegung. Sie neigt sich zu der Seite, wo die Klinke aus ihr heraus ragt, schwingt die Seite mit den beiden Scharnieren nach vorne, verlagert ihren Schwerpunkt darauf und schwingt die andere Seite vorwärts. Wann hat sie das gelernt? Etwa in den langen Stunden, in denen sie alleine zu Hause war?
Sie will auf jeden Fall nicht zurück, sondern schlägt den Weg zum Ufer ein; und das mit einer beachtlichen Geschwindigkeit. “Halt!”, rufe ich, und da ist es wieder, dieses grauenhafte Gefühl, dass etwas zu Ende gehen könnte oder schon zu Ende gegangen ist, ohne dass ich es bemerkt habe.
Und natürlich, es geht dauernd etwas zu Ende, und einmal wird es ganz vorbei sein, und dieser Zeitpunkt rückt immer näher. Auch wenn es ungewiss ist, wann ich sterbe, so ist doch gewiss, dass ich mittlerweile mehr Leben hinter mir habe als vor mir.
Und gleich habe ich keine Wohnungstür mehr. Sie ist hinter der breiten Eiche verschwunden. Ich klettere vom Baum und renne hinter ihr her. Wo ist sie? Ach da! Sie liegt auf dem Wasser und schaukelt. “Was machst du denn”, schimpfe ich, “du wirst noch abtreiben!” Und tatsächlich schwappt die Tür vom Ufer weg. “Bleib da!” Ich stürze zu ihr, ins Wasser hinein, stolpere über einen Stein, und ehe ich es mich versehe, liege ich bäuchlings auf meiner Wohnungstür und treibe die Weser hinab.
„Jenseits“ weiterlesenTrügerische Geländer

Da bewegt sich etwas, hinten im Rhabarberbeet. Etwas Rotes. Ist das ein Mensch? Gebückt, beim Rhabarber klauen? Ich stehe am Küchenfenster; und während ich darauf warte, dass das Wasser kocht, schaue ich auf den großen Garten hinunter. Obstbäume, Blumenbeete, überall Blüten und Früchte — und ganz hinten das Rhabarberbeet, in dem irgendetwas vor sich geht.
Marianne hat ein Fernglas auf der Arbeitsplatte stehen, mit dem sie die Vögel im Futterhäuschen beobachtet. Vielleicht auch Obstdiebe. Mir fällt ein, dass sie, während sie mir das Haus gezeigt hat, erzählt hat, dass sie wegen einem Eindringling im Garten einmal die Polizei hatte rufen müssen.
Als Marianne mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, während ihres Urlaubs in ihrem Haus zu wohnen und den Garten zu gießen, habe ich zugestimmt. Eine gute Idee, fand ich. Ich konnte ihr einen Gefallen tun und in der Zeit auch so etwas wie Urlaub haben. Allerdings schüchtert mich das Haus ein, sodass ich hauptsächlich im Gästezimmer wohne. In der geräumigen Küche koche ich zwar, setze mich aber nicht dort an den Tisch, sondern nehme mein Essen mit ins Zimmer oder in den Garten. Ich versuche, mich unauffällig zu verhalten, obwohl ich weiß, dass das nicht notwendig ist. “Du kannst alles benutzen”, hat Marianne mir versichert. Aber erst gestern Abend habe ich das Wohnzimmer betreten und mich auf der Couch niedergelassen. Für eine halbe Stunde.
Ich bin gar nicht so schüchtern, normalerweise. Oder besser gesagt: unter anderen Umständen. Im Garten habe ich mich sofort wohl gefühlt; bin quer zu den Wegen gelaufen und habe alle Gewächse einzeln begrüßt, obwohl es genug geregnet hatte und ich nicht gießen musste.
Deshalb weiß ich auch, dass hinten in der schattigen Ecke das Rhabarberbeet ist, und als ich schließlich zum Fernglas greife, erkenne ich ein Kind, mit Rhabarberstengeln in der Hand. Ein Kind mit halblangen schwarzen Haaren, rotem T Shirt und Jeans. Keine Schuhe.
Sofort fühle ich mich hilflos. Ich stelle das Fernglas dorthin, wo es zuvor gestanden hat. Am besten ist es, so zu tun, als hätte ich nichts gesehen. Sonst muss ich etwas unternehmen. Das Kind auffordern, den Garten zu verlassen. Und was, wenn es dann nicht geht? Auf keinen Fall will ich die Polizei rufen.
Der Gedanke an Polizei löst komplizierte Gefühle bei mir aus. Einerseits möchte ich gerne Schutz bekommen, wenn ich bedroht werde, wenn meine Rechte missachtet werden, oder wenn mir jemand Gewalt antut. Andererseits weiß ich, dass andere, die diesen Schutz genauso brauchen oder noch viel mehr, ihn nicht bekommen. Dieselben Menschen werden von der Polizei mehr verdächtigt als andere, öfter kontrolliert und verhaftet, manchmal sogar getötet.
Mit 9 Jahren habe ich einmal gesehen, wie ein Polizist auf einen Menschen geschossen hat. Ich schaute aus dem Fenster, wie wir Kinder das oft abends taten, in der Hoffnung, dass auf der Straßenkreuzung etwas passierte. An jenem Abend ging die Tür der Kneipe auf, die sich “Café Melusine” nannte, und der Hiasl torkelte heraus. Auf der Brücke über den Eisbach blieb er stehen und hielt sich am Geländer fest. Und der Lumpi, sein Hund, der ihn überall hin begleitete, blieb auch stehen und wartete.
Als der Hiasl sich weiter auf seinen Weg nach Hause machte, fuhr von der anderen Straße ein Polizeiwagen heran, hielt auf dem Platz vorm Café Melusine, und zwei Polizisten sprangen heraus. Sie brüllten dem Hiasl hinterher, dass er stehenbleiben solle. Der Hiasl fing stattdessen zu laufen an, zumindest versuchte er es; schwankend verschwand er hinter der Hecke unseres Gartens.
Mit zwei Sätzen hätten die jungen Männer ihn eingeholt. Aber sie blieben stehen, einer zog die Pistole und schoss. Dieser Polizist war neu in unserem Dorf; er war strafversetzt worden, weil er schon zweimal einen Menschen erschossen hatte. Diesmal traf er nur den Lumpi. Wir fanden später die Blutspur, die in den Wald hinein führte. Der Lumpi wurde nie wieder gefunden.
„Trügerische Geländer“ weiterlesenSo viel Leben

Für Anne zum 60. Geburtstag
Atmen Ameisen
Abflugbereit
Auf Apfelbäumen im April
Ahnen auch die Ahnungslosen
Allerlei Aufregung
Blätterteig bläht sich
Auf dem Blech im Backofen
Blasen, Beulen, ein butterweiches Ballett
Choreographiert
Im Curry Curcuma Café
Durch und durch delikat.
Dösen drei Drachen
Dort im Durchgang
Der Dornenhecke
Ein Einbrecher mit Eimer
Eilt durch die Einbahnstraße:
Feierabend!
Frühe Fähren auf dem Fluss
Freche Finken in den Flatterulmen
Flügel glänzen am Himmel
Juwelengleich kosmisch
Libellen? Mosaikfliegen?
Nein: Ameisen im Aufbruch
Durchqueren das Alphabet,
Blenden die Drachen,
Die blinzeln und sich erheben
Ebendeswegen
Der Eimer fällt
Der Deckel springt
Es fließt das Geld
Und Paula Paprika
Auf dem Weg zum Jobcenter
Zückt eine Tüte und füllt sie
Mit klingenden Münzen.
Sieben Lügen braucht sie
Für einen lückenlosen Lebenslauf
Und einen heißen Gewürztee
Im Curry Curcuma Café
Der Einbrecher eilt weiter
Immer lästig mit dem Kleingeld
Und dann diese Drachen
Die plötzlich erwachen
Und gähnen
Mit blutroten Rachen
Kein Geld ist Kleingeld
Denkt Paula Paprika
Und kein Leben hat Lücken
Ein Lebenslauf ist nur
Eine Aufzählung von Zeiten
In denen sie
Für jemand anders
Nützlich war
Zu viel Nützlichkeit schadet der Gesundheit
Paula schlürft den Gewürztee
Und beißt in den Gemüsestrudel
Sie mag Eimer, aus denen Geld kommt
Am Nebentisch sitzt der Einbrecher
Bei Blätterteig und Rentenrechner
Sieben Jahre hat er noch
Die Kur wurde abgelehnt
Samstag ein Seminar zur Stressbewältigung
Dort muss er wieder lügen
Beruf: Umzüge zur Unzeit
Besondere Belastung: Nachtarbeit
Nein, schwer ist es nicht
Was er so von einem Ort zum anderen trägt
Aber er leidet unter Verfolgungsängsten
Assoziationen zu 2026, von numerisch bis osmanisch

2026, numerisch betrachtet, bietet als Quersumme die 10 (2+0+2+6=10) , eine Zahl, die mit Vollendung assoziiert wird, weil wir mit dem Dezimalsystem arbeiten, das so gut zu unseren zehn Fingern passt.
Die Quersumme von 10 ist 1 (1+0=1), von jeher ein Symbol für den Neuanfang. Beim Addieren von 10 und 1 stoßen wir auf die 11, Primzahl und Schnapszahl, die sowohl an Fußball als auch an Fasching erinnert.
Und schließlich, mit der Quersumme von 11, (1+1=2), ergibt sich die Zwei, die mit dem Zweifel verwandt ist und darauf hindeutet, wie wichtig es ist, unser Wissen auch immer wieder in Frage zu stellen.
Die 11 ist im Periodensystem der Elemente dem Natrium zugeordnet, einem wachsweichen, silberglänzenden Metall, das in luftdicht verschlossenen Stahlfässern gelagert werden muss, weil es so stark reagiert. Ebenfalls hochreaktiv ist Chlor, die Nummer 17 im Periodensystem, (Quersumme 8, eine Zahl, auf die ich später noch zurückkommen werde). Chlor ist ein gelbgrünes, übel riechendes, sehr giftiges Gas. Wie erstaunlich, dass die Verbindung dieser beiden Elemente eine Substanz hervorbringt, die in Farbe, Konsistenz und Verhalten in keinster Weise an ihre ursprünglichen Zutaten erinnert. Es entsteht dabei nämlich Natriumchlorid, unser Kochsalz.
Jede Jahreszahl hat neben ihrer numerischen Bedeutung immer auch eine religiöse und eine politische. Wenn wir das neue Jahr “2026” nennen, beziehen wir uns auf die christliche Zeitrechnung, die andere Zeitrechnungen wie die jüdische, die islamische, die chinesische und weitere, an Bedeutung überholt hat, und mittels kolonialer und kapitalistischer Verbreitung, heute weltweit als Haupt-Zeitrechnung verwendet wird. Sie ist zu einem Symbol für christlich europäische Vorherrschaft geworden.
Vor 2026 Jahren wurde ein gewisser Jesus geboren. Es gibt auch Stimmen, die behaupten, dass es ein Mädchen gewesen war, Susi genannt, und ob ihrer Widerspenstigkeit des öfteren “Ja Susi!” getadelt, woraus dann der Name “Jesus” wurde. Aber das ist wahrscheinlich nur ein Gerücht.
Der männlich gelesene Jesus ist auf jeden Fall das wohl bekannteste mensch-göttliche Wesen aller Zeiten geworden. Er hat in mindestens 4 Religionen erfolgreich Platz genommen. Während er im Christentum als Sohn Gottes eine herausragende Stellung hat, und im Judentum nur eine nebensächliche, ist Jesus im Islam ein Prophet, der, anders als andere Propheten, Wunder vollbringen kann, und im Hinduismus wird er sogar als Gott anerkannt; allerdings muss er sich diese Stellung mit vielen anderen Göttern und Göttinnen teilen.
Religionen haben oft mehr miteinander gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheinen mag, und manchmal werden die Grenzen zwischen ihnen auch nicht so streng gezogen. In Gaza war es früher üblich, dass Muslime an Weihnachten mit ihren christlichen Nachbarn in die Kirche gingen — genauso, wie christliche Palästinenser*innen an muslimischen Feiertagen die Moschee besuchten. Mittlerweile sind fast alle Kirchen und Moscheen im Gazastreifen zerbombt, niemand kann sich mehr dort treffen.
Der orthodoxe Theologe Jousef AlKhoury¹ berichtet, dass es in Palästina unter Nachbarinnen üblich war, Kinder gemeinsam zu stillen; religiöse Verschiedenheiten spielten dabei keine Rolle. Kinder, die von derselben Frau gestillt worden waren, galten als Geschwister. So wurden Verbindungen aufgebaut und eine erweiterte Familie kreiert, die sich nicht auf die eigene Nachkommenschaft beschränkte.
„Assoziationen zu 2026, von numerisch bis osmanisch“ weiterlesenSpülung

Aline stellt sich gerne in den Besteckkorb, ich lege mich lieber auf das Gitter für die Gläser, in der zweiten Ebene. Nur Cora ist dünn genug, um auf der Ablage in der dritten Ebene noch bequem liegen zu können. Sie nimmt als Unterlage ein himmelblaues Fleecetuch; behält aber trotzdem oft Abdrücke der Halterungen für Messer Gabel Löffel auf ihrem Gesicht zurück. Wenn Xenia das beim Abendessen bemerkt, wird sie mit den Augen rollen. Sie war nicht dabei, beim Seminar “Gedankenreinigung”, deshalb kann sie uns nicht verstehen.
“Fertig?”, fragt Jette. Sie musste diesmal draußen bleiben, um die Maschine anzustellen, denn Xenia weigert sich. “Ich bin bereit!”, murmle ich. Sobald ich meinen Kopf auf den Spülschwamm gebettet habe, entspanne ich mich. “Intensiv-Programm bitte”, meint Aline, “ich spüre ein Problem in mir aufsteigen. “Mir ist alles recht”, lässt sich Cora vernehmen. In der Geschirrspülmaschine haben wir noch nie gestritten.
“Lasst es euch gut gehen!”, sagt Jette, als sie das rosa Reinigungspulver einfüllt. “Du kommst danach auch noch dran”, verspreche ich ihr, aber sie hört es nicht mehr. Es wird dunkel, mit einem Klacken schließt sich die Klappe. Aline gibt einen wohligen Seufzer von sich, ich dämmere schon vor mich hin. Ich höre das Wasser rauschen, mit einem Brummen setzt sich der Motor in Bewegung, dann gehe ich in einen Zustand über, den ich sonst wahrscheinlich nur mit ausgiebiger Meditation erreichen könnte.
Mit einem Meditationskurs habe ich es ja auch versucht. Aber ich konnte meine Gedanken nicht abstellen und hatte Schmerzen, weil ich das Sitzen nicht gewohnt war. In der Geschirrspülmaschine hingegen — nur absolute Ruhe und Gelassenheit, von der ersten Minute an. Nichts stört, ich löse mich von allen Problemen, Leichtigkeit durchströmt mich, ich fühle mich geborgen.
Es ist das beste Stressbewältigungs-Programm, das ich je kennengelernt habe. Was habe ich mich früher aufgeregt! Ich hatte hohen Blutdruck, Leberverhärtung, Verdauungsbeschwerden und war so verspannt, dass ich jeden Monat zur Osteopathie musste. Ich habe mich mit Kolleg*innen gestritten, mich über die Nachbarn beschwert und über rücksichtslose Autofahrer*innen geschimpft. Und die politischen Nachrichten haben mich so aufgewühlt, dass ich Kopfschmerzen davon bekam.
Als Xenia nach Hause kommt, ist auch Jette schon mit ihrem Durchgang fertig, sie kommt gerade mit geföhnten Haaren aus dem Badezimmer. Aline und Cora haben einen Salat vorbereitet, ich habe Bratkartoffeln gemacht, Gemüse gibt es noch vom Mittagessen. Als wir alle um den Tisch sitzen, fällt mir auf, wie bedrückt Xenia aussieht. “Was ist denn los?”, frage ich sie, obwohl ich schon weiß, dass ich ihr nicht helfen kann.
“Es ist so schrecklich!”, platzt sie heraus. “Immer noch verhungern Babies, obwohl an der Grenze die Lastwagen mit Lebensmitteln Schlange stehen! Und es sind schon wieder Menschen bei der Essensausgabe erschossen worden. Die Siedler haben neue Häuser zerstört …” Sie seufzt, und es tut mir leid, dass sie sich so quält. Noch dazu völlig umsonst, weil es ja keinem Menschen hilft, dass sie unser wunderbares Abendessen nicht genießen kann, sondern es stattdessen mit ihren Tränen salzt.
Ich kenne diesen Zustand so gut. Er ist sehr unangenehm. Es hat auch mich so geplagt, dass ich ständig darüber reden musste. “Ein Genozid, da passiert ein Genozid, wir müssen etwas tun!” Was hab ich alle damit genervt. Freund*innen haben sich distanziert, Arbeitskolleg*innen über mich getuschelt. Und dann konnte ich wieder einmal stundenlang nicht einschlafen, wachte gerädert auf. Und das alles für nichts und wieder nichts! Keinen einzigen Menschen habe ich gerettet mit meinen Protesten vor dem Rathaus.
Cora legt Xenia eine Hand auf den Arm. “Möchtest du es nicht doch einmal versuchen?”, sie deutet auf die Geschirrspülmaschine. Xenia schüttelt den Kopf. “Ich ziehe aus”, murmelt sie. “Das ist nun wirklich übertrieben”, meint Jette nachsichtig. “Du kannst doch darüber reden, wenn es das ist, was du möchtest.” “Was ich möchte -”, Xenia hat schon einen roten Kopf, “ist, dass ihr endlich wieder Gefühle habt!”
“Wir haben Gefühle”, erkläre ich. “Sogar sehr viele. Aber eben nur schöne.” “Ja, genau! Ihr seid so reduziert!” Ich widerspreche: “Im Gegenteil! Ich habe jetzt viel mehr vom Leben.” “Was für ein Leben hast du denn noch?” “Ach, Xenia, wozu soll das denn gut sein, sich dafür verantwortlich zu fühlen, wenn andere leiden, irgendwo weit weg? Das hat doch mit uns gar nichts zu tun! Warum sich dauernd aufregen und wütend sein? Sich womöglich noch an Probleme aus der Kindheit erinnert fühlen, auf alte Traumata stoßen und sie unbedingt aufarbeiten wollen. Das ist alles nur schmerzhaft und führt zu nichts.”
“Ja, es ist schmerzhaft, aber viel schlimmer ist es, sich davon nicht berühren zu lassen. Es nicht spüren zu wollen — das trennt dich von anderen Menschen. Und von dir selbst.” “Ich fühle mich ganz unzertrennlich”, scherzt Aline. “Ach, ihr versteht mich nicht!”, Xenia schiebt den Teller, den sie nur halb aufgegessen hat, von sich weg. Wir schweigen, denn sie hat recht. Wir können sie wirklich nicht mehr verstehen, jetzt, wo wir auf der anderen Seite sind, wo sich negative Gedanken so leicht auflösen lassen, mit nur einem Spülgang von 45 Minuten, und ein paar kleinen Übungen zwischendurch.
„Spülung“ weiterlesenGeburtstag

Als Gott die Geschlechter verteilt hat, bin ich zu spät gekommen. Deshalb hab ich keines. Erst dachte ich: Pech gehabt, weil mir ja etwas fehlte, später bemerkte ich dann, dass es mir gar nicht fehlt. Nur anderen fehlt es. Wenn sie mich sehen, fühlen sie sich unbehaglich. Eine Philosophin hat sogar ein Buch darüber geschrieben: Das Unbehagen der Geschlechter.
Aber ich glaube, die meisten Leute haben es nicht gelesen. Sie starren mich immer noch an und versuchen, etwas an mir zu finden, das ich nicht habe. Deshalb versuche ich, möglichst unauffällig zu bleiben. Und jetzt hat mir Prinz Almut zum Geburtstag eine Leuchtweste geschenkt!
“Oh — was mache ich damit?”, frage ich xier. “Anziehen! Dann wirst du besser gesehen. Damit du nicht angefahren wirst, wenn du im Dunkeln radelst!” “Aber ich werde doch gerade dann, wenn die Leute mich sehen, oft angefahren!” Prinz Almut lacht herzlich, dens Bauch wackelt, ich umarme xier und bedanke mich, obwohl ich die Jacke nie anziehen werde. Dabei mag ich orange. Streifen mag ich auch. Und eigentlich würde ich gerne leuchten.
Prinz Almut hat ein Gespür dafür, was Leute mögen und brauchen. Xier ist Coach, und hat sich auf Urlaubsstress spezialisiert. Dens Arbeit wird sogar von den Krankenkassen bezuschusst. Denn es kommt immer öfter vor, dass Menschen von ihrem Urlaub so gestresst sind, dass sie danach arbeitsunfähig sind.
Viele machen gar nicht richtig Urlaub, weil sie weiterhin ständig erreichbar sind. Andere sperren das Arbeitshandy in einen Safe, der sich erst am letzten Urlaubstag wieder öffnet, und haben dann den Stress, sich jetzt aber auch wirklich erholen zu müssen. Es gibt Streit mit Mitreisenden, weil es auf einmal viel mehr Zeit dafür gibt; enttäuschte Erwartungen, wenn der Berg, den man alleine besteigen wollte, von Menschen übersät ist; den Schock, in einem fremden Land zu sein, obwohl der Reiseprospekt versprochen hat, dass man sich wie zu Hause fühlen würde.
“Und was machst du mit diesen Leuten?”, fragte ich Prinz Almut. “Unterschiedlich. Manchmal bin ich die Herberge, nach der sie sich schon ihr ganzes Leben lang gesehnt haben. Oft muss ich erstmal einen Grundkurs Diversität machen. Viele glauben ja, ich würde Almut Prinz heißen. Erst wenn ich mich auf meinen Thron setze, dämmert ihnen etwas. Dann kommen die Fragen. Gestern hat wieder jemand gesagt: “Wenn Sie Prinz sind, dürfen Sie doch noch gar nicht auf den Thron!” “Tja”, meinte ich, “das ist ein Unterschied zwischen monarchistischem und anarchistischem Prinzentum! Es gibt noch ein paar mehr.”
Prinz Almut kenne ich seit zwei Jahren. Es ist allerdings das erste Mal, dass xier zu meinem Geburtstag gekommen ist. Bei meinen Geburtstagen treffen immer sehr unterschiedliche Menschen aufeinander, die ich in meinem Alltag nicht zusammen einlade, weil ich befürchte, dass sie sich nicht verstehen würden. Einmal im Jahr müssen alle miteinander klar kommen. Bis jetzt hat das geklappt.
Es klingelt, Norbert kommt die Treppe hoch, drückt mich und drückt mir etwas in die Hand, loses Papier, in dem sich etwas Festes befindet: “Tut mir Leid, ich hatte kein Klebeband mehr.” Das Einwickelpapier ist ein Kalenderblatt, eine dicke Kreuzspinne in ihrem Netz vor blauem Himmel. “Die sieht ja toll aus!” Als ich den Titel des Buches sehe, muss ich lachen. “Wer spinnt hier eigentlich?” Den Untertitel lese ich nur bis “… Genozid”, dann klingelt es wieder.
Fiona. Wir haben uns schon länger nicht mehr getroffen. Als ich sie sehe, verengt sich mein Hals, ich muss mich anstrengen, um Luft zu bekommen. “Schön, dass du da bist!” Meine Stimme klingt heiser. Sie sagt nichts, bemüht sich zu lächeln und streckt mir einen riesigen Blumenstrauß entgegen. “Danke, da suche ich gleich eine Vase für!” Ich bin erleichtert, dass ich davon huschen kann.
Als ich mit den Blumen in der Vase ins Sofazimmer komme, verteilt Latifa den Schokoladenkuchen, den sie gebacken hat, und das Nachbarkind starrt Prinz Almut an: “Meine Mama hat gesagt, du bist kein Mann und keine Frau, sondern so etwas wie ein Mann und eine Frau gleichzeitig. Wie geht das denn?” Alle schauen Prinz Almut an, die schließlich erklärt: “Ich habe einfach alles gemacht, was ich gerne machen wollte, und das waren dann Frauensachen und Männersachen und schwupps, schon war ich beides. Und noch viel mehr.” Toni schaut xier mit großen Augen an. “Bist du deshalb so dick?” Prinz Almut lacht herzlich: “Die beste Erklärung für meine Körperfülle, die ich je gehört habe. Danke!” Xier schüttelt die kleine Hand und kommt auf mich zu.
Nina platzt herein. Ich kenne sie nicht so gut, habe sie aber spontan eingeladen, als ich sie neulich beim Fahrradhändler traf. “Britta hat gesagt, dass du alles liest. Also, das ist ganz neu raus gekommen und wurde in der Zeitung euphorisch besprochen.” “Danke.” Ohne große Hoffnung zerreiße ich das Geschenkpapier.
“Darf ich mal?” Prinz Almut nimmt das Buch, liest laut: “Das große Schweigen. Warum wir immer noch viel zu wenig über den Holocaust wissen und sprechen”. Xier blättert es durch: “Ich vermisse eigentlich ein Buch über das aktuelle Schweigen in Deutschland.” Alle schweigen betreten, was der Situation etwas Absurdes gibt, nur Nina fragt nach einer Weile: “Was meinst du denn?” “Das Schweigen über den Völkermord an den Palästinenser*innen, an dem Deutschland mitschuldig ist und …” Xenia räuspert sich: “Wir als Deutsche dürfen nicht …” “Bin ich gar nicht!”, ruft Prinz Almut. “Dann wirst du das nie verstehen können”, erklärt Nicole. “Was denn, dass die Verbrechen, die die Deutschen begangen haben, ein Freibrief dafür sind, die Palästinenser*innen zu malträtieren?”
Tan-Li stößt einen schrillen Lacher aus, Fiona bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, Nina sagt verlegen: “Wir wollen doch jetzt Geburtstag feiern”, und schaut mich an. Eigentlich wäre es eine gute Gelegenheit, um zu diskutieren, aber ich habe die Befürchtung, dass es schief geht. Thomas Akabu geht es wohl auch so. “Ich mach neuen Kaffee”, ruft er und zwinkert mir zu, als er Richtung Küche geht. Ich bemerke, dass Rona, der Cockerspaniel von Rena, die Vorderpfoten auf den Couchtisch gestemmt hat und die Sahneschüssel ausleckt. Wenigstens eine, die die Situation auskosten kann.
„Geburtstag“ weiterlesen
